Auszug aus >Neila, Abendgesang<

Yvan Goll



Unwirklicher als Nebel im lautlosen Getriebe der Nacht
Fließt dein Gesicht vorbei mit den Segeln des Mondes
O Neila, blauer Opferrauch

Die roten Gesängeder Väter verhallen in deinem Mund
Ein goldenes Tierhorn der Inbrunst
Meldet dich dem Schicksal

Ich höre rauschen mit ihrer dunklen Magie
Die alten Meere der Mitternacht
Ich weiß, du bist keine Menschentochter

Unirdischer du, jenseits von Blut!
Neila, meint dich der Duft von Jasmin
Wenn er von den Geistern der Tiefe kündet?







Die Nacht trinkt ihre rote Blüte aus deinem Herz
Sie rankt zurück bis zum ersten Kuß
Mit dem wir Erinnerung spielen

In meinem Pulsschlag halt ich das Gedäctnis fest
Es wehrt sich wie ein erschrockener Vogel
Stärker als Liebe vergißt es nie

Durch dein Aug fällt die Zeit wie ein grüner Stern
Tochter des Mondes du beleuchtest für mich
Die Ruinen der Welt





Totenchemie

In den Retorten des Traums
Wächst gelb rot gelb
Die Fieberblume
Und Tollkirsche der Angst
An den Abhängen der Finsternis

Nächtliche Chemie des Blutes
Torkelnde Eiterkelche
Von Träne betaut
Die ihr den mageren Schlaf verzehrt

Atmet langsamer ihr Kranken
An dem verwundeten Wand
Vögel aus Asche setzen sich euch auf die Hände
In den brüchigen Fingern
Bröckelt der letzte Tag

Stunden
Schwere Königinnen eines Mittags
Goldgesalbte
Wie ihr mir engegenlächelt
Mit Palmen mich versöhnt
Ihren Sohn

Doch wehe wenn ich euch von euren Wagen
Nicht in meine Nesseln niederzerre
Eure Augen eure Räder
Rasseln mich in dunkeln Staub
Stunden
Magre Wandlerinnen gegen Abend 


Yvan Goll: Die Lyrik in vier Bänden. Band II. Liebesgedichte. 1917-1950, hg. u. kommentiert v. Barbara Glauert-Hesse im Auftrag der Fondation Yvan et Claire Goll, Saint-Dié-des-Vosges. Argon Verlag, Berlin 1996. © Wallstein Verlag, Göttingen.