von Ohne Kosmonautenanzug

Karin Fellner

Spiritus, Verflüchtigungslinien

Im Hinterhof hört die Poetin
den Geist der alten Kastanie
ein Pfeifen über dem Sims,
Morgenjets, Hotelduschen
gymnastisch der Nachbarn ein
Scherenschnitt auf Schamott

Dass eine Kröte noch tief
im Brustbein ihr sitze wie Fels
oder Stolz, sagt sie: Herz
sei eine Quetsche und dehne
zu ächter Freundlichkeit dich
zwischen Paneelen

zu Äther, dem flüchtigen so
daß wir das Offene schauen





Kleinöd

Asymmetrisch vom Morgen
stakst die Poetin durch
die von Pflichttätern
sporadisch durchzuckten Gassen

liest tragische Küche und wittert
nach der geeigneten Lücke
zum Parken des To-go-Brötchens
im Mund von Gebläsehotels

stocken Blechherden sausen
wohin wohin, fragt sie, wenn
der Hunger auf Wiesen verpackt ist
in Fliesen und Dekorläden

sie imitiert den Schritt
der Zielhaber, memoriert:
Christos ist Fotomodell
und Kleinöd nennt sich City

the cloudspeak whispers: hier
geht’s zur Leistungspizza!
Und nur ein vorbeigejoggtes
Junges sieht durch ihr Lächeln





Allein

ans Leuchten der Handyziffern
ans limitierte Denken
der Straßen angeklammert
wird ihr klamm vom Lechzen
vom Geletzt-werden-wollen

ringsum Einbahnen, Fieber,
Entfernungen: Das ist nicht
zu entfernen, so waren,
sagt man, von jeher die Frauen

Zimmer voll springendem
Trubel, im Uterus dort
ziehen Visionen vorüber
von süeziu toeterinne

im Kopf setzt den Fuß die Poetin
wie angepflockt wieder zum Kreis





Unterm Zwillichhimmel

hat als Gefällte sie
die rauen Nächte verbracht
im genässten Fell
abseits vom Sog des Lebens

war alles zu kurz geraten
die π-mal-Auge-Bewegung
Schenkel und Bretter im Flur
perspektivisch gestaucht

nun dehnt sich langsam der Balg
und die Poetin erinnert
das Wort vom Strömen, Geströmtsein

ob es durch Lichtstürze sie
fortreiße oder trage
in diesem Kajak aus Fleisch?





Ausgelöst

Ohne Ziel durchdringt die Poetin Nacht
akrobatische Räume

auf ihrer Knochenbox atmet sie wie Soufflé
im Mare tenebrosum

wird Variable für
Kopffüßer und ihre rot schwingenden Segel

Brausetablette, gerollt
gerüscht von Erdbeerstürmen.

Morgens bohrt die Poetin
Löcher in Betten, Bezüge

Einfallschleusen für
kleine euphorische Sonnen.





In geballten Krallen

bringen Vögel den See
zur Stadt und lassen ihn frei.

Durch lotrechtes Wasser geht
die Poetin durch Schnellen
spreitet die leere Hand
klingende, -ingende Schelle

ihr zur Seite Papier
von den Gräsern gewiegt
lange Verschiedene
Mädchen, Greisinnen im
physikalischen Sinn
gibt es keinen Verlust

eine Schuppe bloß
Schräges zu schöpfen         daraus
dreht sie ein Fliegengewicht.

Vielleicht dass es ganz von selbst
nach oben fällt und flattert?





Ohne Gewicht

Der Wind stand auf in den Falten
der Nacht, im Gallenraum,
und suchte Allmählichkeit,
verneigte und breitete sich
aus im Skalp der Poetin.

Sie hing wie an Hagelschnüren,
ging über und in sein Lodern,
in Sprengbrunnen aller Art,
in rote Streuung und sah:
Wasser kann man nicht löschen.

Furcht und Aberwunsch
als Wogen zu nehmen auf
einem Ozean,
ihnen gewogen zu sein,

so kehrte der Wind sie um,
ins helle ferne Erinnern,

wie es ginge, auch ohne
Kosmonautenanzug
          in der Leere zu sein